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Kapitel 4 Klassifikationen für visuelle Programmierung
In der Vergangenheit wurden mehrere Versuche zur systematischen Erfassung visueller Programmiersprachen und Programmierumgebungen unternommen. Das Studium dieser Arbeiten zeigt, daß die Autoren sehr unterschiedliche Aspekte als Grundlage für ihre Klassifikationen heranziehen. Das Spektrum reicht von Einteilungen anhand allgemeiner Merkmale, wie »die Art, in der Benutzer den Computer programmieren« (vgl. Glinert [90 S. 146]) bis hin zu Übersichten, die ganz spezielle Anwendungsbereiche umfassen, etwa Multimediawerkzeuge und intelligente Zeichenprogramme (vgl. Poswig [96 S. 6]). In den folgenden Abschnitten werden drei geläufige und häufig zitierte Taxonomien von Shu, Chang und Myers vorgestellt, die auf Arbeiten Ende der 80er Jahre zurückgehen. Zudem wird ein Klassifikationsschema von Burnett und Baker aus dem Jahr 1994 präsentiert, das zwar noch keine weite Verbreitung gefunden hat, aber neuere Entwicklungen berücksichtigt und Schwachpunkte der anderen Taxonomien vermeidet. Manche Klassifikationen enthalten Rubriken, die nicht zu visueller Programmierung im Sinne der definierten Terminologie passen. Ein Beispiel dafür ist die Rubrik »Visualisierung von Daten oder Informationen über Daten« der Klassifikation von Shu, die strenggenommen nichts mit visueller Programmierung zu hat. Darauf wird im Einzelfall hingewiesen. Auf eine detaillierte Bewertung der Nützlichkeit des jeweiligen Klassifikationsschemas wird verzichtet, da dazu der Kontext der Klassifikation berücksichtigt werden müßte, was aus Platzgründen nicht möglich ist. Nur vereinzelt werden Vor- und Nachteile angesprochen. Der eilige Leser kann die ersten Abschnitte dieses Kapitel überspringen, und sich Abschnitt 4.4, zuwenden, der als Grundlage für die Einordnung von Programmierkonzepten in Kapitel 5 dient.
4.1 Klassifikation nach Shu Shu [88 S. 12] unterscheidet zwei Hauptbereiche: visuelle Umgebungen und visuelle Sprachen. Der Bereich visuelle Umgebungen umfaßt Werkzeuge zur Datenvisualisierung, zur Softwarevisualisierung und für visuelles Instruieren. Der Bereich visuelle Sprachen umfaßt Sprachen zur Bearbeitung visueller Information, zur Unterstützung visuelle Interaktion und visuelle Programmiersprachen. Bild 4-1 zeigt den Klassifikationsrahmen von Shu. Für die Charakterisierung visueller Programmiersprachen bedient sich Shu [88 S. 139 ff] eines selbstentwickelten Koordinatensystems, das die Aspekte Niveau, Anwendungsbereich und Visualisierungsgrad einer Programmiersprache auf drei Achsen darstellt (siehe Bild 4-2). Das Zustandekommen der Ausprägung der einzelnen Aspekte ist leider nicht immer klar, was umso schwerer wiegt, da sich bei Shu kein Hinweis darauf findet, wie die einzelnen Aspekte zu messen wären. Sprachprofile, die mit Shus Koordinatensystem erstellt werden, sind deshalb nicht als Basis für aussagekräftige Sprachvergleiche geeignet, sondern können bestenfalls ein grober Anhaltspunkt sein, um die wesentlichen Merkmale einer visuellen Programmiersprache einzuschätzen.
4.1.1 Kategorien Im folgenden werden die einzelnen Kategorien der Klassifikation von Shu erläutert. Abschnitt 4.1.2, enthält Tabellen mit Systemen und Sprachen, die Shu als Beispiele für die jeweilige Kategorie nennt. Visualisierung von Daten oder Informationen über Daten Shu gliedert Systeme für die Visualisierung von Daten oder Informationen über Daten in zwei Teilbereiche; räumliche Datenverwaltungssysteme und Visualisierung von Datenstrukturen. Räumliche Datenverwaltungssysteme (spatial data management systems, SDMS) repräsentieren Daten und Beziehung zwischen Daten in mehrdimensionaler, visueller Form. Der Benutzer kann die benötigten Informationen durch Navigation im grafischen Datenraum abrufen, ohne genau spezifizieren zu müssen, was er sucht, und ohne den genauen Speicherplatz zu kennen. Die Visualisierung von Datenstrukturen umfaßt laut Shu sowohl die Darstellung softwaretechnischer Datenstrukturen, wie Felder, Verbunde und Listen, als auch die Visualisierung von Datenbankschemata. Diese Kategorie bildet somit hinsichtlich der Darstellung von Datenstrukturen einen Teilbereich der in Abschnitt 2.1.5, diskutierten Softwarevisualisierung. Visualisierung von Programmen und Programmausführung Shu [88 S. 13] vertritt die Meinung, daß in diese Kategorie nur solche Systeme fallen, die Programme visualisieren, die in herkömmlichen Programmiersprachen geschrieben sind, und schließt damit die Visualisierung von Programmen auf Basis visueller Programmiersprachen aus. Eine solche Einschränkung ist nach Meinung des Verfassers nicht notwendig. Shu verfeinert diese Kategorie hinsichtlich der Aspekte Pretty Printing, Visualisierung mit Diagrammen, Mehrfachsichten eines Programmes und Algorithmenanimation. Diese Kategorie bildet ebenfalls einen Teilbereich der Softwarevisualisierung. Visualisierung von Softwaredesign Shu ordnet in diese Kategorie grafische Softwareentwicklungsumgebungen ein, die den gesamten Softwarelebenszyklus von der Planung bis zur Wartung unterstützen. Diese Kategorie umfaßt also nicht nur Werkzeuge für die Entwurfsphase, sondern auch Systeme für die grafische Darstellung von Anforderungen, Spezifikationen, Systemarchitekturen usw.
Visuelles Instruieren (Visual Coaching) Mit Systemen für visuelles Instruieren meint Shu interaktive Umgebungen für die beispielorientierte Programmierung (siehe Abschnitt 5.7). Sie verwendet dafür den Ausdruck Visual Coaching. Bei dieser Art des Programmierens werden durch den Benutzer entweder Aktionen einmal vorgezeigt, die der Computer später mehrfach genauso ausführt, wie sie gezeigt wurden, oder Aktionen mehrfach in unterschiedlichen Kombinationen vorgezeigt, aus denen der Computer ein allgemeines, parameterisierbares Programm ableitet. Shu spricht insbesondere die zweite Variante der beispielorientierten Programmierung an. Alle von Shu erwähnten Systeme sind Prototypen, mit denen keine professionelle Programmierung möglich ist. Sprachen für die Bearbeitung visueller Information In diese Kategorie fallen laut Shu verbale Sprachen, die entweder Bildbearbeitung erlauben oder für die Manipulation von Bilddatenbanken geeignet sind [S. 109]. Um den breiten Bereich solcher Sprachen einzuschränken, läßt Shu jene traditionelle Sprachen außer acht, die prinzipiell für allgemeine Anwendungen geeignet sind, jedoch um spezielle Konstrukte oder Bibliotheken für die Bildverarbeitung erweitert wurden, z.B. Fortran, PL/I und Pascal. Sie betrachtet vor allem Sprachen für die Speicherung und Abfrage von Bildern in Datenbank-Managementsystemen. Etliche der von Shu erwähnten Arbeiten beschäftigen sich mit geographischen Informationssystemen. Nach der Terminologie dieses Buches sind verbale Sprachen für die Bearbeitung visueller Information keine visuelle Sprachen. Sprachen zur Unterstützung visueller Interaktion Shu ordnet in diese Kategorie verbale Sprachen ein, die zum Definieren, Erzeugen und Manipulieren von Piktogrammen gedacht sind und somit visuelle Repräsentation und Interaktion unterstützen [S. 14 f]. Nach der Terminologie dieses Buches sind die Sprachen dieser Kategorie keine visuelle Sprachen. Visuelle Programmiersprachen basierend auf Diagrammen In dieser Kategorie befinden sich Sprachen, die auf der klassischen imperativen Programmierung beruhen und mit Steuerfluß- bzw. Nassi-Shneiderman-Diagrammen notiert werden. Darüber hinaus werden Sprachen für die Implementierung interaktiver Systeme beruhend auf Zustandsüberführungsdiagrammen erwähnt. Zudem ordnet Shu hier das Datenflußmodell und Datenflußdiagramme ein [S. 173 ff]. Dabei verwundert, daß sie visuelle Datenflußsprachen jedoch nicht im Rahmen dieser Kategorie beschreibt, sondern in der Kategorie »Piktogrammsprachen«. Dort scheinen sie fehl am Platz zu sein, denn visuelle Datenflußsprachen werden immer in Form von Graphen notiert, also als Knoten-Kanten-Diagramme. Dabei sind zwar die Knoten als Piktogramme darstellbar, aber dieser Aspekt spielt im Vergleich zur dominierenden Diagrammform eine untergeordnete Rolle. Die unterschiedlichen Diagrammtechniken dieser Kategorie, die kaum logische Gemeinsamkeiten aufweisen, lassen ein grundsätzliches Problem von Shus Klassifikation erkennen, das bereits in der Einleitung angeschnitten wurde: die Gliederung visueller Programmiersprachen nach dem Erscheinungsbild der Sprachkonstrukte (in diesem Fall der Diagrammelemente) verdeckt einen weitaus interessanteren Gesichtspunkt, nämlich das konzeptionelle Modell der Programmiersprache. Die zwiespältige Einordnung der Datenflußsprachen unterstreicht dieses Dilemma und legt eine Klassifikation nach Programmierparadigmen nahe, wie sie Burnett und Baker vornehmen (siehe Abschnitt 4.4). Visuelle Programmiersprachen basierend auf Piktogrammen Shu räumt Programmiersprachen basierend auf Piktogrammen viel Platz in ihrem Klassifikationsschema ein. Sie motiviert solche Sprachen mit den Vorzügen der chinesischen Schrift, deren ideographische Symbole ihrer Meinung nach oft interessanter und »spannender« sind als Worte in Buchstabenschriften und deshalb einen hohen Lernanreiz bieten. Diese didaktischen Vorteile kommen laut Shu auch beim Programmieren mit Piktogrammen zum Tragen [S. 194]. Shu präsentiert eine Vielzahl von Sprachvarianten, die - wie die Sprachen der Kategorie »Diagramme« - zwar Ähnlichkeiten im Erscheinungsbild aufweisen, aber weiter keine Gemeinsamkeiten besitzen. Unter den vorgestellten Sprachen befinden sich u.a. Notationen für Lisp-Programme, eine visuelle Sprache für Horn-Klauseln sowie diverse Datenflußsprachen. Einige dieser Sprachen, etwa Lisp auf Basis von Venn-Diagrammen und eine frühe Version der Datenflußsprache Prograph, könnten ebensogut in der Kategorie »Diagramme« eingeordnet werden, da Piktogramme in diesen Sprachen keine erkennbare Rolle spielen. Zudem beschreibt Shu auf mehreren Seiten die Benutzungsschnittstelle des Xerox-Star-Systems, das als Vorläufer heutiger Desktop-Oberflächen wie Microsoft-Windows gilt. Es bleibt unklar, warum sie das Xerox-Star-System in ihre Klassifikation aufnimmt, denn dieses System verfügt zwar über Piktogramme, um Dokumente und Funktionen darzustellen, bietet aber in der ursprünglichen, von Shu beschriebenen Form keine Möglichkeit, mit diesen Piktogrammen zu programmieren. Eine Erweiterung des Xerox-Star-Systems um Programmiermöglichkeiten ist das System Smallstar von Halbert, das bereits in der Rubrik »Visuelles Instruieren« vorgestellt wurde. Visuelle Programmiersprachen basierend auf Formularen Die von Shu genannten visuellen Programmiersprachen auf Grundlage von Formularen sind zum Großteil einfache Benutzungsschnittstellen zu Datenbankanwendungen [S. 239 ff]. Es können damit Abfrageanweisungen durch Ausfüllen von Tabellen oder Formularen verfaßt werden, ohne daß Kenntnisse in einer bestimmten Datenbanksprache notwendig wären. Bilder kommen bei den von Shu vorgestellten Systemen nicht zum Einsatz. Die Formulierung der Suchbegriffe und Verknüpfungen geschieht rein verbal, und somit beschränkt sich der visuelle Aspekt dieser Systeme auf Formularstrukturen bzw. die zweidimensionale Tabellenform. Aktuelle Programmierwerkzeuge der vierten Generation (4GL-Werkzeuge), wie 4th-Dimension und Microsoft-Access, gehen über den Funktionsumfang der von Shu präsentierten Systeme weit hinaus und verfügen auch über bessere grafische Möglichkeiten.
4.1.2 Systeme und Sprachen Dieser Abschnitt enthält Tabellen mit Systemen und Sprachen, die Shu als Beispiele für die Kategorien ihres Klassifikationsschemas nennt und in ihrem Buch näher beschreibt. Zu jedem Eintrag wird eine Erklärung in Stichworten sowie ein Literaturverweis angegeben. Die angeführten Systeme sind zum Großteil durch moderne Weiterentwicklungen überholt und somit eher von historischem als aktuellem Interesse. Insbesondere die Möglichkeiten der Computergrafik haben seit Shus Untersuchungen starken Aufschwung genommen und entsprechende Verbesserungen bei den Benutzungsoberflächen bewirkt. Dennoch ist eine überblicksweise Aufstellung der von Shu genannten Systeme gerechtfertigt, weil damit einerseits die Wurzeln heutiger Systeme dargestellt werden und andererseits Shus Klassifikationsschema sonst nur schwer verständlich wäre. Eine Anwendung des Schemas von Shu für neuere Systeme und Sprachen findet sich bei Poswig [93 S. 7 ff] und Poswig [96 S. 5 ff]. Tabelle 4-1 Visualisierungssysteme.
Tabelle 4-2 Visuelles Instruieren.
Tabelle 4-3 Allgemeine visuelle Sprachen.
Tabelle 4-4 Visuelle Programmiersprachen (Fortsetzung).
4.2 Klassifikation nach Chang Chang [87] in Glinert [90-P&S S. 7 f] spricht in seiner Taxonomie nicht von visueller Programmierung, sondern nur von visuellen Sprachen. Eine visuelle Sprache ist in seiner Diktion jede Sprache, die entweder die Bearbeitung visueller Information erlaubt oder über visuelle Sprachkonstrukte verfügt. Durch Kombination dieser Merkmale erhält Chang vier Kategorien visueller Sprachen:
Seine Klassifikation entspricht somit grundsätzlich dem Schema von Shu, mit Ausnahme der vierten Kategorie, die bei Shu nicht explizit vorkommt. Diese Kategorie umfaßt jedoch keine besondere Klasse von Sprachen, sondern ganz einfach jene visuellen Programmiersprachen, mit denen auch Bilder verarbeitet werden können. Ein Beispiel dafür ist die Sprache Extended HI-VISUAL, die Shu in die Rubrik »visuelle Programmiersprachen basierend auf Piktogrammen« einordnet. Wegen der großen Ähnlichkeit der Taxonomien von Chang und Shu wird auf die einzelnen Kategorien nicht näher eingegangen. Chang stellt fest, daß in allen vier Sprachkategorien sogenannte »generalisierte Piktogramme« (generalized icons) zum Tragen kommen [S. 8]. Er unterscheidet zwischen Objekt- und Prozeßpiktogrammen. Objektpiktogramme sind bildliche Repräsentationen der Objekte, auf die eine visuelle Sprache angewandt wird, während Prozeßpiktogramme die Konstrukte der visuellen Programmiersprache selbst darstellen. Beide Arten von Piktogrammen bestehen aus einem logischen Teil (der Bedeutung) und einem physischen Teil (dem Bild), der je nach Kontext unterschiedlich ausgeprägt ist. Chang erwähnt, daß visuelle Sprachen und das Konzept der generalisierten Piktogramme unter verschiedenen Aspekten erfolgreich studiert werden können, etwa aus dem Blickwinkel der Computergrafik, der Theorie formaler Sprachen, der Kognitionspsychologie und des visuellen Designs [S. 17]. Solche interdisziplinären Studien sollten zum Ziel haben, eine effektive Methodik für den Entwurf einer neuen Generation visueller Sprachen zu schaffen. Die bislang eher bescheidenen Ergebnisse sind wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß das Konzept der generalisierten Piktogramme bei weitem nicht alle Aspekte visueller Sprachen abdeckt.
4.3 Klassifikation nach Myers Myers [94] präsentiert in der Encyclopedia of Software Engineering drei aktualisierte Klassifikationen für visuelle Programmierung und Softwarevisualisierung, die auf seine Arbeiten aus den Jahren 1986 und 1988 zurückgehen. VP-Systeme betrachtet Myers unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten: in der Haupttaxonomie [S. 879 ff] werden VP-Systeme in erster Linie hinsichtlich des Kriteriums »Beispielorientierte Programmierung« eingeordnet, in der nachgeordneten Klassifikation [S. 884 f] steht die Notation der Programme im Vordergrund. Für Systeme zur Softwarevisualisierung (die hier nicht weiter behandelt werden) wählt Myers eine Einteilung nach statischer bzw. dynamischer Visualisierung von Code, Daten und Algorithmen [S. 885 ff]. Myers beschreitet mit seiner Haupttaxonomie einen grundlegend anderen Weg als Shu und Chang. Er hebt weder die Art der verarbeiteten Daten hervor, noch berücksichtigt er Anwendungsgebiete oder die Art der Programmdarstellung. Statt dessen bildet er aus den drei Merkmalen
einen Raster mit acht Kategorien in den er ca. 40 Systeme einordnet (siehe Tabelle 4-5). Myers erklärt nicht, warum er gerade diese drei Merkmale gewählt hat und stellt seine Klassifikation auch keinen anderen Ansätzen gegenüber. Die auf den ersten Blick unverständliche Differenzierung nach visueller und nicht- visueller Programmierung ist deshalb notwendig, weil Myers beispielorientierte Programmierung und visuelle Programmierung als orthogonale Ansätze betrachtet und drei beispielorientierte Systeme anführt, die er nicht zu visueller Programmierung zählt. Problematisch erscheint die Einordnung von Tabellenkalkulationen (Spreadsheets), die Myers pauschal als visuelle Programmiersprachen auf hohem Niveau einstuft [S. 881]. Er stellt fest, daß Tabellenkalkulationen grundsätzlich auf grafischen Repräsentationen beruhen. Diese Aussage steht im Widerspruch zur Tatsache, daß in allen gängigen Tabellenkalkulationsprogrammen textuelle Formeln für Werteberechnungen herangezogen werden. Solche Formeln können für komplizierte Berechnungen einen beachtlichen Umfang annehmen, weshalb die uneingeschränkte Zuordnung von Tabellenkalkulationen zu visueller Programmierung unangebracht ist. Andererseits darf aber die Eigenschaft »Beispielorientierte Programmierung« für Tabellenkalkulationsprogramme nicht ausgeschlossen werden (wie dies Myers tut), weil die zum Teil beachtlichen Makrorekorder-Funktionen solcher Applikationen die beispielorientierte Programmierung auf klassische Weise unterstützen. Ein weiterer Schwachpunkt von Myers Taxonomie ist die Unterscheidung nach Systemen, die Programme interpretieren bzw. kompilieren, weil diese Differenzierung keine aufschlußreichen Informationen liefert. Moderne VP-Systeme unterstützen meist sowohl Interpretation als auch Kompilation. In diesen Fällen ist eine eindeutige Zuordnung gar nicht möglich. Zudem verschwimmen die Unterschiede in der Handhabung interpretierender und kompilierender Systemen durch schnelle Übersetzer und flexible Laufzeitsysteme. Die Frage, ob ein VP-System interpretiert oder kompiliert, verliert demzufolge immer mehr an Bedeutung. Tabelle 4-5 Myers Klassifikation von Programmiersprachen und -systemen in acht Kategorien.
Bei genauer Betrachtung bleibt schließlich nur der Aspekt »Beispielorientierte Programmierung« als wesentliches Merkmal von Myers Klassifikation erhalten. Selbst hinsichtlich dieses Kriteriums ist die Zuordnung einzelner Systeme nicht immer klar. So führt Myers die Datenflußsysteme InterCONS von Smith [88] und Fabrik von Ludolph et al. [88] als Vertreter für beispielorientierter Programmierung an, obwohl beide Systeme beispielorientierte Programmierung nur rudimentär unterstützen. Wie immer kommt es auch bei Myers Klassifikation auf die Definition und Interpretation der zugrundeliegenden Begriffe an, die gerade hinsichtlich der beispielorientierten Programmierung nicht immer eindeutig sind. Bezüglich der Darstellungsart von Programmen in VP-Systemen unterscheidet Myers [94 S. 884 f] vierzehn Kategorien (siehe Tabelle 4-6). Er nennt seine Einteilung eine »Klassifikation nach Spezifikationstechnik«, ohne jedoch zu erläutern, was er in diesem Zusammenhang unter »Spezifikation« versteht. Aus den Beispielen läßt sich ableiten, daß damit primär verschiedene Notationen für Programmcode gemeint sind. Tabelle 4-6 Myers Klassifikation von Programmiersprachen und -systemen aufgrund der Spezifikationstechnik.
4.4 Klassifikation nach Burnett und Baker Die Klassifikation von Burnett und Baker [94] ist der aktuellste Beitrag zu den Bemühungen, die Arbeiten über visuelle Programmierung systematisch zu erfassen. Der Zweck ihres Klassifikationsrahmens ist eine übersichtliche Darstellung der Literatur zu visuellen Programmiersprachen. Damit verfolgen sie zwar scheinbar ein anderes Ziel als Shu, Chang und Myers, die konkrete Systeme und Sprachen einordnen, letztlich sind die Ergebnisse jedoch ähnlich, denn ob ein Aufsatz klassifiziert wird, der die Beschreibung einer Programmiersprache enthält, oder die Programmiersprache selbst erfaßt wird, ist dann unerheblich, wenn die Einordnung des Aufsatzes anhand der Eigenschaften der beschriebenen Sprache erfolgt. Burnett und Baker gehen vom ACM Computing Review Classifications System (ACM-CRC-System) aus, das zur vollständigen Erfassung der Informatikliteratur dient. Sie zeigen, daß die Struktur des ACM-CRC-Systems aus mehreren Gründen ungeeignet ist, Arbeiten über visuelle Programmiersprachen aufzunehmen und schlagen deshalb ein maßgeschneidertes Schema vor, das in Tabelle 4-7 dargestellt wird. Manche Kategorien des ACM-CRC-Systems wurden übernommen, andere weggelassen, und neue wurden hinzugefügt. Die genaue Bedeutung der Bezeichnungen der einzelnen Kategorien ist nicht definiert. Damit soll den Autoren die Freiheit gegeben werden, ihre Arbeiten so einzuordnen, wie es ihrem Begriffsverständnis entspricht. Eine Kategorie »Sonstiges« existiert nicht. Statt dessen ist die Einordnung von Literatur auf jeder Ebene gestattet. So könnte man etwa eine Arbeit, die den weiten Bereich des Themas »Sprachimplementierung« behandelt, direkt bei VPL-IV plazieren und müßte sie nicht in einen der Unterpunkte A bis D zwängen. Zudem ist es möglich, eine Arbeit in mehreren Rubriken einzuordnen. Burnett und Baker haben selbst keine Einordnung von Publikationen in die einzelnen Rubriken ihres Klassifikationsrahmens vorgenommen. Sie überlassen diese Tätigkeit den Autoren, weil sie der Meinung sind, daß nur die jeweiligen Verfasser in der Lage sind, die zur Einordnung ihres Werkes notwendige Interpretation der Begriffe des Klassifikationsrahmens vorzunehmen. Durch die Beschränkung auf visuelle Programmiersprachen wird nicht das gesamte Gebiet der visuellen Programmierung erfaßt. Burnett und Baker sehen ihre Klassifikation im Kontext des »Visual Computing« und führen andere bedeutende Teilbereiche dieses Fachgebiets an, für die vergleichbare Taxonomien möglich sind, etwa visuelle Datenbanksysteme, Sprachen zur Bildverarbeitung, visuelle Umgebungen für textuelle Sprachen, virtuelle Realität und Visualisierung [S. 288]. Die Klassifikation von Burnett und Baker ist bei weitem besser zur systematischen Erfassung von visueller Programmierung geeignet als die zuvor genannten Ansätze. Das Schema ist einerseits flexibel genug, um dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt gerecht zu werden und orientiert sich andererseits an grundsätzlichen Fragestellungen, die weitgehend unabhängig von kurzfristigen Entwicklungen sind. Die Klassifikation von Burnett und Baker dient daher als Grundlage für die Darstellung der Konzepte visueller Programmiersysteme im nächsten Kapitel. Tabelle 4-7 Das Klassifikationsschema für visuelle Programmiersprachen nach Burnett und Baker
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